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Lehrstelle des Gedenkens vom israelischen Künstler Menacheh Kadishman

Berlin – Mahnmale des Nationalsozialismus (Teil 4): Der jüdische Mensch

Nicole Manstedt · 18.06.2016 · Berlin, Deutschland, Europa

Das Jüdische Museum ist zwar kein Mahnmal, trägt aber maßgeblich zum Verständnis bei. Auf über 3000 Quadratmetern erhält man Einblicke in die jüdische Geschichte vom Mittelalter bis zur heutigen Zeit. Das Museum informiert und klärt auf. Was ist das Judentum eigentlich? Ist es eine Nationalität, eine Glaubensrichtung, eine ethnische Gesinnung, ist es Kulturgut oder eine Lebenseinstellung? Wie und wann ist das Judentum entstanden und worauf begründet? Wieso gibt es überhaupt Menschen, die Juden hassen, und wann hat das angefangen? Wer sich das alles auch schon gefragt hat, wird hier Antworten finden.

Inhalt

  1. Ganz normale Menschen
  2. Die Zerrissenheit der jüdischen Vergangenheit
  3. Lehrstelle des Gedenkens
  4. Das fehlende Gewissen
  5. Ein Ort der Gemeinschaft

Ganz normale Menschen

Man sollte sich Zeit nehmen und beginnt im Untergeschoss, wo sich das Learning-Center, die Achsen, der Garten des Exils und der Holocaust-Turm befinden. Ich glaube, wir haben allein im Learning-Center eine Stunde verbracht, weil wir uns tatsächlich alle Videos angesehen haben. Hier erzählen Juden aus ihrem Leben und wie sie ihren Glauben in den Alltag integrieren. Man erfährt einiges über die jüdischen Feste und ihre Bedeutung, darüber, was es heißt koscher zu leben, und wieso viele Juden kein Schweinefleisch essen. Aber auch, dass es – wie in jedem Glauben – Menschen gibt, die streng nach ihrer Überzeugung leben, und das andere wiederum die Traditionen etwas lockerer sehen. Hier wird klar, dass es letztendlich um Menschen geht, die sich mit ihrer Vergangenheit und den Traditionen auseinandersetzen, ihre Überzeugungen haben, sich aber auch ihre eigene Meinung bilden. Halt so wie es doch jeder Mensch macht, egal ob er Christ, Muslim oder Buddhist ist.

Die Zerrissenheit der jüdischen Vergangenheit

Auch die Architektur des Museums beeindruckt und löst unterschiedliche Gefühle und Interpretationen aus. Der moderne Betonbau, entworfen vom jüdischen Architekten Daniel Libeskind, ist gleichermaßen Raum für 2000 Jahre jüdische Geschichte wie Kunstwerk selbst. Graue, hohe Betonwände, schief und kalt, versteckte schmale Fenster und schmale verworrene Gänge symbolisieren die Zerrissenheit der jüdischen Vergangenheit.

Im ganzen Gebäude verteilt findet man leere Räume, die für das Fehlen der Juden in der Gesellschaft stehen. Wir stehen im Holocaust-Turm und da ist: nichts. Nur die Geräusche vorbeifahrender Autos sind zu hören und das Atmen und Räuspern der Menschen, die sich mit uns im Raum befinden. Ich stelle mir noch eine andere Situation vor. Die eines Menschen, der auf der Flucht ist und sich hier versteckt. Allein und mit Todesangst. Die Geräusche werden immer lauter, der Atem geht schneller und die hohen Betonwände scheinen sich auf mich zuzubewegen. Ich muss rausgehen.

Lehrstelle des Gedenkens

Eingebettet in Gegenwart und Vergangenheit, Leben und Tod, Hoffnung und Leid, befindet sich im Stockwerk darüber die Lehrstelle des Gedenkens. Eine Installation des israelischen Künstlers Menacheh Kadishman, die mich ebenso bewegt wie der Holocaust-Turm. Während ich über die am Boden liegenden Gesichter mit ihren offenen Mündern laufe, denke ich an die qualvollen Schreie der vielen Opfer in den Gaskammern.

Das fehlende Gewissen

Die Betroffenheit wandelt sich in Fassungslosigkeit und auch Wut, als ich Platz auf einem kleinen Lederwürfel vor einer Video-Installation nehme. Auf zwei Bildschirmen werden Ausschnitte aus den NS-Prozessen gegen die Hauptkriegsverbrecher gezeigt. In Befragungen geht es darum, die Schuldfrage zu klären. Doch die Angeklagten sitzen nur scheinheilig da und sind sich keiner Verbrechen bewusst. Sie haben nur ihre Arbeit gemacht, Befehle ausgeführt oder wussten nichts von den nationalsozialistischen Zielen. Bei vielen reichen die Beweise nicht aus, um sie verurteilen zu können. Wie muss es sich für die Überlebenden anfühlen? Zu wissen, dass ihre Peiniger ungestraft davonkommen und ein Leben in Freiheit führen dürfen, während man selbst immer gefangen in seinen eigenen schrecklichen Erinnerungen sein wird.

Ein Ort der Gemeinschaft

Im Anschluss an das Jüdische Museum haben wir noch der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße einen Besuch abgestattet. Als wichtigste Institution des Judentums ist auch die Neue Synagoge Gotteshaus, Versammlungsraum und Ort der Gemeinschaft. Wie viele ihrer Art wurde sie in der Progromnacht 1938 in Brand gesteckt, das Feuer konnte aber rechtzeitig gelöscht werden. Das fast 140-jährige Gebäude steht jetzt als jüdisches Kultur-, Dokumentations- und Veranstaltungszentrum allen Menschen offen, die mehr über das Judentum erfahren möchten.

In meinem letzten Artikel der Reihe Berlin – Mahnmale des Nationalsozialismus (Teil 5): Die Angst, die uns lähmt berichte ich von unserem Besuch in der Gedenkstätte Stille Helden.

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