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Berlin – Mahnmale des Nationalsozialismus (Teil 5): Die Angst, die uns lähmt

Nicole Manstedt · 26.06.2016 · Berlin, Deutschland, Europa

Jeder kennt die Geschichte von Oskar Schindler, der während des Zweiten Weltkriegs etlichen Juden in seinen Rüstungsbetrieben eine Anstellung gab, um sie so vor dem Tod im Vernichtungslager Auschwitz zu retten. Eine wahre Geschichte, die einen ergreift und nicht mehr loslässt, selbst wenn der Film schon lange vorbei ist. Menschen wie Oskar Schindler oder Josef Höfler, Luise Meier und Kurt Müller, die den Mut hatten, sich gegen die Nazidiktatur aufzulehnen, ist die Gedenkstätte Stille Helden gewidmet.

Inhalt

  1. Keine Frage der Herkunft
  2. Die stillen Helden
  3. Gerechter unter den Völkern
  4. Meine Gedanken zum Schluss

Keine Frage der Herkunft

Die Gedenkstätte Stille Helden befindet sich in der Rosenthaler Straße. Schon zwei Mal standen wir vor der Glastür mit dem orangenen Schild. Beim ersten Mal war es schon zu spät und beim zweiten Mal war die Ausstellung wegen eines Wasserschadens geschlossen. Diesmal haben wir Glück.

Eine schmale Treppe in einem alten Gebäude führt uns in den ersten Stock. Hinter der Eingangstür sitzt ein Mann, vertieft in ein Buch. Er hebt nur kurz den Kopf zum Gruß, um sich dann sofort wieder seinem Roman zu widmen. Ich bin irritiert und frage nach dem Eintritt, aber die Ausstellung kostet kein Geld.

Ich schaue mich um. Es gibt eigentlich nicht viel zu sehen. An der Wand eine kurze Einleitung zum Thema, neben der Eingangstür führt eine weitere Treppe noch ein Stockwerk nach oben und im hinteren Eck steht ein großer Medientisch mit mehreren Monitoren. Ich bin fast schon ein wenig enttäuscht, weil ich mehr erwartet hatte.

Ich gehe zum Medientisch und klicke mich durch die Anwendungen. Es geht um die Menschen, die in der NS-Zeit verfolgten Juden beistanden, ihre Beweggründe und auch Ängste. Schnell wird klar, das die stillen Helden keinem bestimmten Archetyp angehören. Sie kommen aus unterschiedlichen sozialen Schichten, gehören verschiedenen Religionen an und haben unterschiedliche Bildungen genossen. Manche nutzen ihre Verbindungen, andere handeln in Eigeninitiative. Viele erkennen den verbrecherischen Charakter des Regimes, wollen nicht wegschauen und Handlungsspielräume nutzten, um Leben zu retten.

Immer wieder schaue ich auf und blicke in den sonst leeren Raum, aber so leer erscheint er mir jetzt gar nicht mehr. Die Leere ist einer wohltuenden Stille gewichen, um das Gelesene verarbeiten zu können.

Die stillen Helden

Wir gehen die Treppe hoch. Rechts an der Wand die Namen derer, die in der NS-Zeit verfolgten Juden beistanden. Mit jedem Schritt gleiten meine Augen über die Wand. Alfred Schindler, Ilse Rewald, Rudolf Bertram. Wer waren sie und wie lautet ihre Geschichte?

Oben angekommen bleibe ich erst mal stehen und überblicke den Raum. Hier stehen mehrere Säulen, an denen kleine Monitore hängen, darunter Kopfhörer.

Hier werden die Geschichten der Menschen, die in großen Buchstaben an der Wand stehen, erzählt. Einzelschicksale, die unter die Haut gehen, weil sie oft auch tragisch enden wie die Geschichte von Alice Löwenthal, einer jüdischen Mutter, die mit ihren zwei kleinen Mädchen untergetaucht war. Nur sie selbst überlebt diese schlimme Zeit, ihre Kinder werden entdeckt und deportiert.

Gerechter unter den Völkern

Auf einer der Säulen lese ich den Namen Oskar Schindler. Ich habe den Film gesehen, aber das ist schon lange her und ich kann mich nicht mehr an alles erinnern. Ich weiss, dass er vielen Juden eine Anstellung in seinen Rüstungsfabriken gegeben und sie so vorm Konzentrationslager gerettet hat. Was ich nicht weiß oder an das ich mich nicht mehr erinnern kann, ist, dass er auch ein Frauenheld gewesen ist, der das Geld mit offenen Händen ausgegeben hat und Freundschaften zu Wehrmachtsangehörigen pflegte.

Aber wie passt das zusammen?

Ich nehme also den Hörer in die Hand und höre mir seine Geschichte an.

Oskar Schindler übernimmt 1939 im Alter von 31 Jahren eine Emaillefabrik aus jüdischem Besitz in der deutschbesetzten Stadt Krakau. Durch die Geschirrproduktion für die Wehrmacht und den fluktuierenden Schwarzmarkt gewinnt er schnell an Ansehen und erzielt hohe Gewinne. Er beschäftigt Zwangsarbeiter aus dem jüdischem Getto für die er weniger zahlen muss. Er lebt in Saus und Braus, gilt als Frauenheld und hat gute Beziehungen zu Wehrmachtsangehörigen, hohen Beamten und SS Personal.

Aber er bekommt auch mit wie unmenschlich die Juden durch die SS behandelt werden und nachdem er 1943 Zeuge einer blutigen Auflösung eines Krakauer Ghettos wird, fängt er an sich für die Juden einzusetzen. Er nutzt seine Beziehungen und sein Vermögen um SS Führer zu bestechen und errichtet ein separates Aussenlager auf seinem Firmengelände.

Oskar Schindler konnte mindestens 1100 Menschen retten.

Am 18. Juli 1967 wird Oskar Schindler von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem als Gerechter unter den Völkern geehrt und erhält einen Baum in der Allee der Gerechten.

In einem weiteren Nebenraum steht ein langer Tisch mit vielen Computern. Hier hat man noch mal die Möglichkeit nach Verbliebenen zu recherchieren. Die Datenbank wird ständig aktualisiert.

Meine Gedanken zum Schluss

Wie zuvor schon im Jüdischen Museum und in den Ausstellungen haben mich die einzelnen Schicksale sehr ergriffen. Die Courage, die alle aufgebracht haben, um ihren jüdischen Freunden, Nachbarn und oft auch Menschen, die sie gar nicht kannten, zu helfen, hat mich sehr beeindruckt. Ich frage mich, ob ich diesen Mut gehabt hätte. So gerne würde ich aufspringen und „Ja“ rufen, aber tief in mir drin meldet sich die Angst.

Ich denke an Dominik Brunner, der 2009 am Münchner S-Bahnhof Solln von zwei Jugendlichen brutal zusammengeschlagen wurde, weil er vier Schülern vor deren Zugriff schützte. Er bezahlte für seine Zivilcourage mit seinem Leben. Auch die junge Türkin Tuğçe A. verlor ihr Leben auf einem Offenbacher Parkplatz, weil sie helfen wollte.

Ich recherchiere weiter zum Thema. Das Internet ist voll mit ähnlichen Meldungen. Wie die eines Mannes, der stundenlang regungslos in einem Aufzug der U-Bahn-Station Volkstheater – mitten in der Wiener Innenstadt liegt und Videoaufnahmen zeigten, wie mehrere Fahrgäste den Aufzug nehmen, den Mann dabei aber ignorieren. Keiner betätigt den Notruf, niemand meldet den Vorfall an die Stationsaufsicht oder die Polizei. Auf dem Weg zum Krankenhaus stirbt der Mann. (Quelle: Zeit Online vom 2. Januar 2015)

Ich denke nach. Nein, ich möchte kein Mensch sein, der wegschaut. Ich will mich auch nicht selbst in Gefahr bringen, aber ich habe immer eine Möglichkeit zu reagieren und diese werde ich ergreifen, wenn ich in eine solche Situation komme. Sei es die Polizei zu alarmieren wenn ich irgendwo Gewalt sehe, die Stimme zu erheben um andere Passanten auf die Situation aufmerksam zu machen, Hilfe zu organisieren, mich als Zeugin zur Verfügung zu stellen, mich gegen Rassismus und Fremdenhass aussprechen und einfach auch mit offenen Augen durchs Leben zu gehen. Man muss kein Held sein um zu helfen, aber was wäre ich für ein Mensch, wenn ich einfach wegschauen würde.

Wie sieht es mit deiner Zivilcourage aus? Warst du schon einmal in einer ähnlichen Lage und wie hast du reagiert? Wie kann man helfen, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen? Schreib es mir in die Kommentarbox.

Wenn dir meine Artikel-Reihe über die Mahnmale in Berlin gefallen hat, steige jetzt in meine neue Artikel-Reihe Berlin – Zeugnisse des Kalten Krieges ein. Im ersten Teil Leben und Alltag in der ehemaligen DDR berichte ich von meinem Besuch im DDR Museum.

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