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Der Zauber von Prag - Weg der Könige Teil 1

Der Zauber von Prag – Vom Platz der Republik bis zum Hradschin

Nicole Manstedt · 29.07.2017 · Europa, Prag, Tschechei

Wir waren jetzt schon mehrmals in Prag. Fasziniert vom Zauber dieser Stadt kehren wir immer wieder hier her zurück. So viel liegt noch im Verborgenen und will erkundet werden. Das alte Prag mit seinen Kopfstein gepflasterten Wegen durch gotische Befestigungstürme, vorbei an Palais der Renaissance, barocken Kirchen und Jugendstil-Fassaden. Das neue Prag mit seinen geometrischen Formen des Kubismus, seinem tanzenden Haus, den kontroversen Skulpturen von David Černý und den leuchtenden Pinguinen der Cracking Art Group. Aber auch das jüdische Prag in der Josefstadt mit seiner bewegten Vergangenheit, der wunderschönen spanischen Synagoge und dem alten jüdischen Friedhof. In diesem Artikel nehme ich dich mit auf den Weg der Könige, der dich vom Platz der Republik bis zur Burg auf den Hradschin führt.

Inhalt

  1. Der Weg der Könige
  2. Platz der Republik
  3. Die Celetná
  4. Dieser enge Kreis bestimmt mein ganzes Leben
  5. Kreuzherrenplatz
  6. Altstädter Brückenturm
  7. Karlsbrücke
  8. Kleinseitner Brückenturm
  9. Kleinseitner Ring
  10. Die Neruda
  11. Der Hradschin
  12. Meine Gedanken zum Schluss

Der Weg der Könige

Der Königsweg ist der Weg, den die böhmischen Herrscher zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert zu ihrer Krönung im Veitsdom beschritten sind. Dieser beginnt am Gemeindehaus, der ehemaligen Residenz der Könige, verläuft über Prags Einkaufspassage der Celetná bis zum Altstädter Ring. Von dort aus geht es über den Kleinen Ring zur Karlsbrücke, rüber auf die Kleinseite, über die Mostecká zum Kleinseitner Ring, vorbei an der barocken St. Nikolauskirche, die letzten paar Meter über die Neruda hoch zum Hradschin und endet im Veitsdom, wo dann die Krönung statt fand. Du hast also einen kleinen Fussmarsch vor dir. Das tolle aber ist, das du auf dem Weg die Altstadt kennen lernst und jede Menge toller Sehenswürdigkeiten zu sehen bekommst. Ein paar möchte ich dir in diesem Artikel vorstellen.

Platz der Republik

Der Platz der Republik ist die Grenze zwischen der Prager Neustadt und der Altstadt. Im Jugendstil erhebt sich ein markantes gelbes Gebäude auf dem Platz, reichlich mit goldenem Messing und Malereien, unteranderem auch von Alfons Mucha, verziert. Das Gemeindehaus (Obecní dům) war früher die Residenz der Könige und beherbergt heute das Prager Sinfonieorchester, mehrere Restaurants und Cafés. Eine tolle Gelegenheit für einen kleinen Zwischenstopp um dir die Innenräume, die ebenfalls prunkvoll gestaltet sind anzusehen.

Schräg gegenüber in der Divadlo Hybernia wird Theater gespielt und Ballett gezeigt. 2015 hatten wir uns hier einen Auszug von Tschaikowskis Schwanensee angesehen. Das Theater selbst hat seinen Namen von irischen Franziskanermönchen erhalten, den Hybernern, die das Gebäude nach dem 30jährigen Krieg als Internat genutzt haben. Seit Ende des 18. Jahrhunderts wird es als Theater, in dem regelmäßig Ballett oder Musicals aufgeführt werden, genutzt.

Der gotische Pulverturm ist einer der 13 Befestigungstürme der Prager Altstadt und war früher mit dem Gemeindehaus verbunden. Er diente eher Repräsentationszwecken und als Zolleinnahmestelle. Später wurde hier das Schießpulver gelagert, daher auch sein Name. Heute kannst du den 65 Meter hohen Turm über mehrere Holztreppen im Inneren erklimmen und dir hier einen Überblick über die Altstadt verschaffen.

Die Celetná

Die Celetná ist einer der ältesten Straßen von Prag mit vielen alten Häusern, zum Teil mit noch mittelalterlicher Kernsubstanz. Du findest hier einige wunderschöne Stadtpalais wie das Haus Zur Schwarzen Sonne (Nr. 8), Palais Carretto-Millesimo (Nr. 13), das Buquoy-Palais (Nr. 20), Haus Zum Geier (Nr. 22) und das Palais Pachtů z Rájova (Nr. 31).

Falls du dich über die unterschiedlichen Hausnummer an den Eingängen wunderst: Das blaue Schild ist die tatsächliche Hausnummer und die höhere Zahl auf dem roten Schild gehört zum Grundbucheintrag.

Einen besonderen Anblick bietet das Haus zur Schwarzen Muttergottes“ (Nr. 34), das selbst kubistischer Architektur, in den oberen beiden Etagen früher das Tschechische Kubismus-Museum beherbergte. Die Kubismus-Bewegung, von Künstlern wie Picasso und Braque ins Leben gerufen, war in Prag besonders im 20. Jahrhundert stark ausgeprägt. Prag ist weltweit der einzige Ort, an dem man überhaupt kubistische Architektur antrifft, was ich schon sehr interessant finde. Wirklich sehr schade, das es die Ausstellung nicht mehr gibt.

Dieser enge Kreis bestimmt mein ganzes Leben

…so soll Kafka den Altstädter Ring bezeichnet haben und tatsächlich hat sich hier ein Großteil seines Lebens abgespielt. Er wurde im Haus, wo jetzt das Franz Kafka Café zu finden ist geboren (zumindest in dem Haus, das vorher hier stand), ging im heutigen Goltz-Kinsky Palais zur Schule, wohnte zeitweilig im Haus zur Minute und davor für ein Jahr im Sixthaus. Der Altstädter Ring hat aber noch mehr zu bieten.

Die Celetná mündet neben der Teynkirche, einem imposanten Steingebäuden der Gotik. Hier haben die früheren Könige und Königinnen Loyalitätsbekundungen der Karlsuniversität entgegengenommen. Direkt neben dem gotischen Kleinod steht das Haus zum Weißen Einhorn. Hier finden in der Gallery of Art Prague immer wechselnde Ausstellungen statt. Es lohnt sich hier mal reinzuschauen.

Der Altstädter Ring gilt als zentraler Marktplatz von Prag wo das Leben pulsiert, man sich in einem der zahlreichen Cafés trifft und bei schönem Wetter das bunte Treiben der vielen Straßenkünstler beobachtet. Umrandet wird der Platz von Fassaden aus unterschiedlichsten Jahrhunderten, wie dem aus der Gotik stammenden Haus zur Steinernen Glocke, der eben schon erwähnten Teynkirche, dem barocken Goltz-Kinsky-Palais, dem Rathaus mit seiner berühmten astronomischen Uhr und der barocken St. Nikolaus-Kirche. In der Mitte des Platzes steht das Jan-Hus-Denkmal, das 1915 anlässlich des 500. Todestages des tschechischen Reformators errichtet wurde.

Im Goltz-Kinsky-Palais befindet sich die Nationalgalerie, jedoch vor vielen Jahren haben sich hier Franz Kafka und sein langjähriger Freund Max Brod kennengelernt und sind hier zur Schule gegangen.

Auch das Rathaus kannst du besichtigen und von dessen Turm runter auf den Altstädter Ring schauen. Von oben wird dir dann sicherlich ein bunt bemaltes Haus auffallen, das du dir, wieder unten angekommen definitiv mal genauer anschauen solltest. Du wirst feststellen, dass es bei den Malereien um eine Art Gravur handelt. Ich hatte mich im Rathaus danach erkundigt und erfahren, dass das Haus zur Minute, in dem übrigens von 1889 bis 1896 Franz Kafka mit seinen Eltern gelebt hat, aus dem 16. Jahrhundert stammt und man die Verzierungen Sgraffito, abgeleitet vom italienischen Verb sgraffiare, zu deutsch kratzen, nennt. Es ist ein typisches Beispiel der Renaissance-Architektur.

Direkt daneben am Rathaus-Turm hängt die Astronomische Uhr.

Auf der anderen Seite vom Rathaus, neben der St. Nikolaus Kirche steht Kafkas Geburtshaus. Hier erblickte er am 3. Juli 1883 das Licht der Welt und keiner konnte zu diesem Zeitpunkt sagen was für ein herausragender Schriftsteller aus ihm werden würde. Heute gibt es im Café Kafka Kaffee und Kuchen und an der Hauswand erinnert eine kleine Wandtafel aus Bronze an ihn.

Die Familie zieht im August 1888 in das Sixthaus auf der anderen Seite des Altstädter Rings und wohnt dort bis zum Mai 1889 bis sie noch mal umzieht in das eben erwähnte Haus Zur Minute.

Bevor du nun weiter gehst gönn dir eine kleine Stärkung. Wie wäre es zum Beispiel mit einem Tredelnik. Dieses traditionelle Gebäck findest du überall in Prag und ist ein mit Zucker und Nussraspeln überzogener Hefeteig, der auf Rollen über glühenden Kohlen gebacken wird. Wirklich lecker.

Das „Haus zur Minute“ auf deiner rechten Seite geht es weiter zum Kleinen Ring, einem idyllischen kleinen Platz, in dessen Mitte ein alter Brunnen mit handgeschmiedetem Renaissancegitter steht. Die Karlova führt dich dann direkt zum Kreuzherrenplatz.

Kreuzherrenplatz

Bevor du aber durch den Altstädter Brückenturm über die Karlsbrücke schreitest, gibt es auch hier noch einiges zu besichtigen, beispielsweise die Salvatorkirche und die Kreuzherrenkirche, die du dir auch von innen mal ansehen solltest.

Neben der Salvatorkirche steht das Standbild von Kaiser Karl IV., bei dessen Anblick ich sofort wieder an eine Szene aus Kafkas Erzählung „Beschreibung eines Kampfes“ denken muss. Wenn du die Geschichte kennst, weiß du was ich meine. Als ich das erste Mal in Prag war hatte ich mich noch nicht für Kafka interessiert, beim zweiten Besuch hatte ich erst ein paar wenige seiner Werke gelesen und jetzt sind es doch schon einige und ich laufe mit ganz anderen Augen durch Prag und entdecke hier und da Details aus seinen Geschichten die mich innerlich zum Lachen bringen. Vielleicht geht es dir ja genau so.

Altstädter Brückenturm

Wenn du dir alles angeschaut hast, gehts durch den Siegesbogen erst mal durch eine seitliche Tür ins innere des Altstädter Brückenturms. Hier zeigt sich dir dann die bis jetzt schönste Aussicht auf die Karlsbrücke und den Hradschin, auf dessen höchster Spitze die Prager Burg thront.

Karlsbrücke

Die Karlsbrücke ist zu zu den meisten Zeiten natürlich schrecklich überfüllt, aber wenn du am nächsten Tag noch mal früh morgens hier her zurück kehrst, findest du bei Sonnenaufgang genau das Bild, das du von Postkarten her kennst. Romantisch und auch ein wenig mystisch, erwacht der Zauber von Prag jeden Tag von Neuem.

Die 500 Meter lange Brücke wurde von Karl IV in Auftrag gegeben. Gesäumt von 30 Heiligen, darunter ziemlich in der Mitte der Brücke, Johannes von Nepomuk, ein Märtyrer seiner Zeit, der König Wenzel den Gehorsam verweigerte und zum Tode verurteilt wurde. Angeblich bringt es Glück eine Hand auf sein Relief zu legen und so glänzt es golden unten den vielen Berührungen der Touristen. Auch dem Heilige Franz von Assisi, Johannes der Täufer und Jesus von Nazareth wurden hier Denkmäler gesetzt, doch sind es schon lange nicht mehr die originalen Skulpturen. Diese befinden sich wohl aufbewahrt im Lapidarium des Nationalmuseums.

Kleinseitner Brückenturm

Auf der anderen Seite der Brücke steht der Kleinseitner Brückenturm der Eingang zur Prager Kleinseite (Malá Strana). Da Prag auch als die Stadt der 100 Türme bezeichnet wird, erklimme auch hier die Stufen und schau dir das Ganze noch mal von der anderen Seite an. Dann kannst du dich auf der Mostecká weiter bis zum Kleinseitner Ring vorarbeiten.

Kleinseitner Ring

Das Zentrum der der Kleinseite ist der, im 13. Jahrhundert angelegte, Kleinseitner Ring. Früher im Mittelalter standen hier Pranger und ein Galgen. 1715 wurde in Gedanken an die Pestepidemie die Dreifaltigkeitssäule errichtet. Den Platz säumen viele Renaisancefassaden und die älteste Barockkirche Prags, der du zuerst einen Besuch abstatten solltest. Im Inneren der St. Niklaskirche findest du eindrucksvolle Fresken und Malereien. Vom 80 Meter hohen Glockenturm hast du einen tollen Blick auf den Kleinseitner Ring mit seinen vielen Palais.

Übrigens ca. 3 Minuten von der Kirche entfernt liegt der malerische Vrtba Garten.

Die Nerudova

Die letzten Meter des Königswegs verlaufen steil über die Nerudagasse, bis es nach einer scharfen Biegung zum Hradschin hinauf geht. Hier ist der Königsweg gesäumt von barocken Häusern mit prachtvollen Hauswappen. In der Hausnummer 47, dem Haus zu den zwei Sonnen lebte einst der böhmische Journalist und Schriftsteller Jan Neruda, der der Straße auch seinen Namen vermacht hat. Ins Haus zum Goldenen Löwen kannst du sogar einen Blick rein werfen. In der im Jahre 1820 eröffnete Apotheke erhältst du einen Einblick, wie in der Renaissance bis zum 19. Jahrhundert Rezepturen und heilende Tinkturen zusammengestellt wurden und kannst die Tara und das Repositorium, noch original erhaltene Möbelstücke begutachten.

In der Hausnummer 210 wohnte einst die berühmte Geigenbauerfamilie Edlinger. Das verzierte Wappen am Haus zu den drei Geigen zollt Ehre und Dank den vielen Baumeistern, die hier gearbeitet und den Betrieb bis weit über die Grenzen von Böhmen berühmt gemacht haben.

Der Hradschin

Du hast endlich den höchsten Punkt des Hradschin erreicht und stehst nun vorm Eingang des Königshauses, vor der die Garde Wache hält. Da es aber wahrscheinlich schon spät geworden ist, empfehle ich dir den Besuch des Doms an einem anderen Tag zu machen und den Tag im Nahe gelegenen Kloster ausklingen zu lassen. In der angrenzenden Klosterbrauerei St. Norbert gibt’s zum Beispiel leckere tschechische Gulaschsuppe im Brot und dazu ein zünftiges Klosterbier.

Meine Gedanken zum Schluss

Die »Hauptstadt der Macht«, die »Hunderttürmige«, das »Herz Europas«, die »Mutter aller Städte«, die »Perle an der Moldau«. Prag hat viele Namen, manche kenne ich und manche habe ich zum ersten Mal gehört.

Prag wird auch die Goldene Stadt genannt, was an ihren vielen vergoldeten Turmspitzen liegt und am leuchtenden Sandstein in der Abendsonne. Das kann ich bestätigen. Selbst nachts erstrahlt die Stadt noch im goldenen Glanz.

Prag gilt auch als Stadt der 100 Türme Jedoch sind im Laufe der Jahrhunderte und wechselnden Herrscher einige hinzu gekommen und mittlerweile sind es über 500 Türme, die das Stadtbild prägen. Einige davon habe ich bestiegen.

Kleine Mutter mit Krallen hatte Kafka Prag genannt, was seiner Zeit geschuldet war. Der schnelle technische Fortschritt im 19. Jahrhundert, hatte einen starken Einfluss auf die Menschen, die nicht immer damit einverstanden waren und dem Neuen kritisch gegenüber standen. Auch Kafka war kein Freund des Fortschritts, obgleich er seine Fantasie in seinen Werken oft beflügelt hat, aber er sah keinen wirklichen Sinn darin. Mehr noch eine Gefahr für den Menschen, beispielsweise in der fortschreitenden Industrialisierung, die auch die Unfallrate in den Fabriken steigerte oder im ersten Weltkrieg, der ihm die ganze menschliche Brutalität vor Augen hielt. Kafka oft als neurotisch, seltsam und düster abgestempelt war ein sensibler Mensch mit einer außerordentliche Gabe der Weitsicht und Reflektion, die er in seine Geschichten und Erzählungen einfließen ließ. Ein paar davon bin ich in Prag begegnet.

Und jetzt bist du dran. Was hast du in Prag erlebt? Ich freue mich auf deinen Kommentar unter diesem Artikel.

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