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Kairo - Ein Versuch des Verständnisses

Kairo – Ein Versuch des Verständnisses

Nicole Manstedt · 02.10.2016 · Afrika, Ägypten, Kairo

Wieso nennt man Kairo eigentlich die Mutter der Welt? Diese Frage stelle ich mir immer wieder, während ich auf die riesigen Müllberge am Straßenrand blicke. Die Stadt ist laut und dreckig, überall wohin man schaut liegen Flaschen und Plastiktüten herum. Haben die denn noch nichts von Mülltrennung gehört und wo steckt die Müllabfuhr? Da keine Sanktionen für Umweltsünder erlassen werden, lädt jeder seinen Müll irgendwo ab oder schmeißt ihn ganz einfach in den Nil. Der Fluss, in dem einst Moses in seinem Körbchen an Land gespült wurde, riecht wie eine Kloake, und wenn hier noch Fische zu finden sind, dann haben sie bestimmt drei Augen. Ganz ehrlich die Stadt ertrinkt im Müll.

Inhalt

  1. Das Geschäft mit dem Müll
  2. Bakschisch ist das Zauberwort
  3. Die falsche Freiheit
  4. Denkmäler für die neuen Pharaonen
  5. Geisterhäuser
  6. Lächeln für den Tourismus
  7. Hurgahda – Willkommen in der Touristenhochburg
  8. Meine Gedanken zum Schluss

Das Geschäft mit dem Müll

Die Entsorgung des Mülls läuft hier auch etwas anders. Es gibt eine städtische Müllabfuhr, die aber mit der ganzen Situation überfordert ist. Und dann gibt es die Wahija und die Zabalin, die sich um den Hausmüll kümmern. Auf den geschichtlichen Hintergrund dieser traditionellen Berufsgruppen will ich jetzt mal nicht näher eingehen. Fakt ist, dass die Müllbeseitigung dabei nach einem immer gleichen Prinzip abläuft. Die Haushalte bezahlen an die Wahija eine Gebühr für die Entsorgen ihres Mülls, die diesen gegen eine weitere Gebühr an die Zabalin abtreten. Daraus ist ein richtiges Geschäft entstanden, aus dem aber nur die Wahija wirkliche Gewinne schlagen. Die eigentliche Arbeit leisten die Zabalin, die den Müll sortieren und alles was wiederverwertbar ist verkaufen. Der organische Abfall wird an die Schweine verfüttert, der Rest einfach verbrannt.

Die traditionellen Müllmenschen gehören dabei nicht der ärmsten Bevölkerungsschicht an. Die Einnahmen aus dem Verkauf übersteigen oft das Gehalt eines einfachen Beamten, aber die Arbeit ist schmutzig und nicht ungefährlich. Zudem sind es meist ganze Familien, die von den Einnahmen leben müssen. Nicht selten müssen auch die Kinder bei der schmutzigen Arbeit mithelfen. Ihre Eltern müssen sie aus der Schule nehmen, weil sie sich das Geld für Bücher nicht leisten können und sie werden ins Familienunternehmen integriert.

Die falsche Freiheit

So ist es nicht verwunderlich das Analphabetismus in Kairo und überall in Ägypten weit verbreitet ist. Ein Drittel der ägyptischen Bevölkerung kann nicht lesen und schreiben und viele die sich eine gute Schulbildung leisten konnten und zur Universität gegangen sind, finden nach ihrem Abschluss keine Arbeit.

„Suche Wissen vom Zeitpunkt deiner Geburt bis zu deinem Tod“, soll Mohammed gesagt haben, aber wenn Menschen nicht lesen und schreiben können gestaltet sich das eben schwierig. Man ist denen ausgeliefert die es können und ein leichtes Opfer, wenn es um Politik und Macht geht. Da nützt einem dann auch die Wahlfreiheit nichts, wenn man nicht versteht, was auf den Plakaten und in Zeitungen steht, oder wenn Leute in dein Viertel kommen, dir das Blaue vom Himmel runter lügen und ggf. auch mal mit Druck nachhelfen. Das ist eine falsche Freiheit.

Bakschisch ist das Zauberwort

Dieses Bild wird nur noch von den penetranten Verkäufern an den Pyramiden übertroffen, die einen regelrecht belagern und bis in den Bus verfolgen. Ein „Nein“ zählt nicht. Stattdessen stachelt es sie zu Höchstform an und Brüder und Cousins werden zur intensiveren Bearbeitung herangepfiffen.

Auf dem Basar ist es ähnlich. Das wir nicht von einem Teppichverkäufer zum Tee eingeladen wurden, um dann den Export-Vertrag seiner Ware nach Deutschland zu unterschreiben, lag nur an unserer Stadtführerin, die bereits einen Deal mit der nahe gelegenen Papyrusfabrik hatte, zu der wir dann verfrachtet wurden.

Aber mal Spaß beiseite, auch wenn Kairo schon unser gesamtes Nervenkostüm beansprucht hat, hier Leben wirklich arme Menschen. Die Souvenir-Verkäufer an den Pyramiden müssen mit dem Geld, dass sie für ihre Papyrusrollen und Minipyramiden einnehmen ihre gesamten Familien ernähren. Ein „Nein“ können sie nicht akzeptieren, da davon ihre Existenz abhängt. Die Menschen hier haben aus der Armut heraus gelernt aus allem ein Geschäft zu machen. Das fängt schon am Flughafen an, wenn der vermeintliche nette Mann ungefragt unseren Koffer vom Beförderungsband fischt und uns dann seine Hand mit den Worten Bakschisch entgegenstreckt. „Bakschisch“ ist ohnehin das Zauberwort. Plötzlich öffnen sich Türen, die vorher verschlossen waren.

Denkmäler für die neuen Pharaonen

Sicherlich gibt es hier jede Menge schwarze Schafe, die mit allen Mitteln und Tricks den Touristen das Geld aus der Tasche ziehen wollen, aber mit einem Land das von Korruption geprägt ist und in dem kein soziales Gleichgewicht existiert, müssen sich die Menschen arrangieren. Mit jedem Regierungswechsel wachsen die Probleme. Nach Mubarak kam Mursi, dann al-Sisi und immer noch regieren Gewalt und Angst. Die Menschen hier werden sich selbst überlassen. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer. Dagegen wird nichts unternommen.   

Präsident al-Sisi hat Größeres vor. Eine neue Stadt soll gebaut werden, noch größer und beeindruckender als Dubai. Während die Menschen hier in abbruchreifen Baracken hausen, kaum wissen, wie sie ihre Familien ernähren sollen und der Moloch Kairo immer mehr verwahrlost, werden Pläne geschmiedet, sich ein Denkmal zu setzen wie einst die Pharaonen im antiken Ägypten. Kairo war sicherlich einst die Mutter der Welt, aber die Zeiten sind lange vorbei.

Wo ist die Hochkultur?

Von der einstigen Hochkultur in Kairo ist kaum was übrig geblieben. Immer wieder werden neue Häuser aus dem Boden gestampft, bis das Geld ausgeht und die Wohnblöcke zu Geisterhäusern mutieren. Die Mieten sind zu hoch, der normale Durchschnittsbürger kann sie nicht bezahlen.

Irgendwie finde ich es verblüffend, das gerade die Länder, in denen einst die Hochkultur herrschte, jetzt verarmen. Wo früher mehr Nahrung erwirtschaftet wurde, als es Menschen gab, ist es heute schon schwer, an sauberes Wasser zu kommen. Woran mag das liegen? Hochmut, Größenwahn… Wie immer sind es auch die Menschen selbst, die das was sie mühsam aufgebaut haben auch wieder zerstören. Eine traurige Entwicklung vom ägyptischen Imperium zum verarmten Staat. Aber was weiß ich schon nach einer Woche Hurghada und einem kleinen Ausflug nach Kairo.

Lächeln für den Tourismus

Trotz alledem sind die Menschen hier extrem freundlich, auch wenn man nicht immer weiß, ob hinter dem Lächeln eine Absicht steckt. Viele Ägypter sprechen Deutsch, haben in Deutschland studiert und sind dann zurückgekehrt, um in der Tourismusbranche zu arbeiten. Viele sprechen auch englisch oder russisch, je nachdem aus welchem Land die meisten Touristen kommen und was rentabler ist. In unserem Resort in Hurghada ist es russisch. 

Hurghada – Willkommen in der Touristenhochburg

Im Oktober 2014 wollten wir noch mal für ein paar Tage in die Sonne. Vom gebuchten Tagesausflug nach Kairo abgesehen, kein umfassendes Sightseeing-Programm, einfach nur etwas ausspannen und uns erholen. Hurghada schien mir da eine gute Idee zu sein.

Gesagt getan, ab in den Flieger und nur 5 Stunden später lagen wir am Strand vom Sentido Mamlouk Palace Resort. Das dachten sich die 100 Russen, die das Resort in klein Moskau verwandelt haben auch. Nicht das wir uns falsch verstehen. Ich habe absolut nichts gegen Russen. Ich könnte auch von den typisch deutschen Touristen mit Tennissocken in Adiletten auf Mallorca sprechen, aber wenn wir nicht gerade von den Verkäufern am Strand zu einem Kamelritt oder einer Wellnessmassage überredet wurden, waren es unsere trinkfesten Freunde, die uns an Erholung nicht denken ließen.

Ich wusste ja, das Hurghada eine künstlich aufgehäufte Touristenhochburg ist, aber das es so schlimm werden würde hätte ich nicht erwartet. Das allabendliche Programm begann mit der Kinderdisco und wechselte sich dann mit orientalischem Bauchtanz, dem schwindelerregenden Drehen der Derwische und der russischen Folkloresängerin ab. Das wurde nur noch tagsüber vom stündlichen Animationsprogramm und dem Sommerhit La Bombe von King Africa aus 2008 getippt, zu dem extra noch ein Tanz einstudiert wurde. Jeden Morgen, Mittag und Abend erkämpfen wir uns unser Essen am Buffet und an Schlafen gehen war dank der Bühne direkt unter unserem Zimmerfenster vor Mitternacht auch nicht zu denken. Zu allem Überfluss, erkrankten wir an unserem letzten Tag noch an Durchfall und ich konnte es kaum erwarten, endlich wieder nach Hause zu kommen.

Meine Gedanken zum Schluss

Man sollte meinen, dass ich jetzt bedient bin und mich keine zehn Pferde mehr nach Ägypten kriegen, aber nachdem der Magen sich beruhigt und die ersten Eindrücke sich relativiert hatten, war der Entdeckerdrang wieder geweckt. Das Leben in Ägypten hatte mich noch sehr lange nach unserer Reise beschäftigt und mir ist bewusst geworden, dass ich nur einen Bruchteil gesehen habe, von dem was Ägypten ausmacht.

So schlimm war es doch eigentlich gar nicht. Dann fällt mir auch wieder der ägyptische Strandverkäufer ein, dessen Frau aus Dresden kommt und der uns mit seinem perfekten Sächseln zum Lachen gebracht hat. Und hin und wieder ertappe ich mich unter der Dusche, wie ich „La Bomba“ summe. Nein so schlimm war es wirklich nicht. Ägypten und ich haben uns auf dem falschen Fuß kennengelernt. Irgendwann möchte ich es noch mal versuchen und dann tiefer eintauchen in das Leben der Menschen hier und in den Alltag mit all seinen Facetten.

Wie war dein Urlaub in Hurghada und welche Erfahrungen hast du in Ägyptens Hauptstadt gesammelt? Ich bin gespannt auf dein Feedback.

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