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Das Leben der Anderen im Fokus der SED

Berlin – Zeugnisse des Kalten Krieges (Teil 3): Das Leben der Anderen

Nicole Manstedt · 17.07.2016 · Berlin, Deutschland, Europa

Im Februar 1950 wurde das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) gegründet. Aufgaben dieser Organisation waren die Westspionage und die gewaltsame Unterdrückung aller jener, die sich gegen das SED-Regime stellten. Mit der Sowjetunion als großes Vorbild, stand der Aufbau eines Spitzelsystems, an dem inoffiziell geschätzt 90.000 Privatpersonen beteiligt waren, im Fokus. Dies war die Geburt eines Überwachungsstaates, der kein Briefgeheimnis und keine Privatsphäre kannte. Der Wolf im Schafspelz zerstörte gezielt das Leben der Anderen und rechtfertigte das mit der Staatssicherheit. Eine ungeheure Maschinerie wurde in Gang gesetzt und jeder der sich dem widersetzte denunziert, verleumdet oder gar inhaftiert.

1989 erhob sich das Volk und die Stasi verlor ihre Macht. 1990 nahmen Demonstranten die Zentrale in Besitz. Mitglieder des Berliner Bürgerkomitees und andere Bürgerrechtler ergriffen die Initiative und gründeten die Antistalinistische Aktion. Sie eröffneten die Ausstellung „Wider dem Schlaf der Vernunft“. Später wurde Haus 1 in Stasi-Museum umbenannt.

Inhalt

  1. Der Wolf im Schafspelz
  2. Methoden einer Organisation
  3. Zentrale der Verschwörung
  4. Unbegrenzte Möglichkeiten
  5. Meine Gedanken zum Schluss

Der Wolf im Schafspelz

Das Stasi-Museum liegt etwas außerhalb, ist aber mit der U5 vom Alexanderplatz gut zu erreichen. An der Haltestelle Magdalenenstrasse steigen wir aus und müssen noch ein Stück laufen. Nach ein paar Metern sehe ich schon die tristen Plattenbauten und weiß, das wir hier richtig sein müssen. Ein Schild weißt uns den Weg auf das ehemaligen Gelände der Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der ehemaligen DDR.

Gegenüber vom Haus 1 sitzen auf einer Parkbank zwei Jugendliche mit kurzgeschorenen Haaren und Springerstiefeln an den Füßen. Sie Haben Bier in der Hand – morgens um halb 11. Aus dem Handy tönt laut Musik. Irgendein rechtsradikaler Mist, der die eh schon angetrunkenen Jungs noch mehr verdummen lässt. Wir gehen ein paar Schritte weiter und setzen uns auf eine andere Parkbank, das trostlose Gelände im Überblick. Wir müssen noch warten. Das Museum macht erst um 11 auf.

Ein paar Minuten vor 11 trudeln weitere Besucher ein. Wir bewegen uns langsam Richtung Eingang. Der Eintritt kostet 6 €. Ein Stoffabzeichen der FDJ als Andenken und einen netten Plausch mit dem Ticketverkäufer bekommen wir kostenlos dazu.

Die Ausstellung beginnt im ersten Stock. Es gibt 3 Stockwerke. Auch einen alten Paternosteraufzug, der aber nicht mehr in Betrieb ist. Also nehmen wir die Treppe. Vorbei am VW Bus, der in der Eingangshalle platziert ist und steigen ein in das Leben der Anderen und derer, die es kontrolliert haben. Allein die Vorstellung überwacht zu werden, lässt mich erschaudern, noch weiß ich nicht wie weitreichend der Einfluss der Stasi war.

In den Räumen im ersten Stock geht es erst einmal um die Entstehung der MfS und um ihre Mitarbeiter. Von denen wurde absolute Loyalität, beruflich wie im privaten Leben, erwartet. Ich frage mich wie charakterschwach man sein muss, dass man für ein paar Vergünstigungen im Leben, Freunde, Nachbarn und Bekannte verrät. Aber es ist keineswegs so, dass die Mitarbeiter immer freiwillig ihren Dienst verrichteten. Viele wurden von der Stasi unter Druck gesetzt und sind daran zu Grunde gegangen. Ich lese unterschiedliche Geschichten. Mal über Menschen die sich perfekt in die Staatsmaschinerie einfügen, aber auch wie andere versuchen dem zu entfliehen und scheitern.

Methoden einer Organisation

In einem Raum hängen mehrere Telefonhörer an der Wand. Ich kenne das ja schon aus der Gedenkstätte für die ermordeten Juden und nehme einen der Hörer in die Hand. Ich drücke auf den ersten Play-Knopf daneben und höre zu. Da ist die junge Frau, die jeden Abend, wenn sie von der Arbeit nach Hause kommt, feststellt, dass in ihrer Wohnung Gegenstände verstellt wurden. Mal sind es Bilderrahmen, dann Blumentöpfe. Sie hat eine Vermutung, kann aber mit keinem darüber sprechen. Würde sie behaupten, dass es die Stasi ist, würde ihr keiner glauben und weit aus schlimmer, sie als verrückt abstempeln. Die Stasi dient dem Wohle des Volkes, sorgt für dessen Sicherheit und bricht ganz bestimmt nicht in die Wohnungen der Bürger ein.

Ich atme durch und höre mir die zweite Geschichte über den verheirateten Pfarrer an. Er bekommt einen Anruf von einem Fremden. Seine Frau wäre ihm untreu gewesen. Er ist sich sicher, dass dem nicht so ist. Seine Frau ist ihm treu. Die Anrufe wiederholen sich, er bekommt Drohbriefe und auch im Haus und auf der Straße wird schon getuschelt. Die Verleumdung wird so schlimm, dass er nicht mehr als Pfarrer arbeiten kann. Aber er kann nichts dagegen unternehmen. Die Stasi hat eine weiße Weste und ist unantastbar. Nach außen stets zuvorkommend und freundlich. Ich bin erschüttert.

Einer anderen Frau werden ständig die Reifen ihres Fahrrades zerstochen. Sie fühlt, das sie beobachtet und verfolgt wird, kann sich aber keinem anvertrauen. Einfach unglaublich. Das sind nur drei Einzelschicksale von vielen. Sie zeigen auf, mit welchen Methoden mit Menschen umgegangen wurde, die nicht ins System passten. Zuerst beobachten und ausspionieren und dann systematisch von innen heraus zerstören.

Zentrale der Verschwörung

Im zweiten Obergeschoss befindet sich die noch weitgehend im Originalzustand erhaltene Büroetage von Erich Milke. Ich laufe durch die verschiedenen Räume vorbei an Aktenschränken, leeren Schreibtischen und alten Telefonen mit Wahlscheibe. Ich fülle gedanklich die Räume mit Leben. Ich stelle mir vor, wie hier die Akten von Menschen über die Tische gewandert sind. Die nicht einmal wussten, dass sie eine Akte haben. Irgendwo klingelt vielleicht ein Telefon und der Befehl zur Durchsuchung einer Wohnung wird erteilt. Ein weiteres Menschenleben wird willkürlich zerstört. Wieder wird in das Leben der Anderen eingegriffen.

Ein kalter Schauer läuft mir den Rücken herunter. Als Individuum mit eigener kontroverser Meinung war man der MfS ein Dorn im Auge. Hätte ich zu Zeiten der DDR hier gelebt, hätte ich sicherlich eine Akte gehabt.

Unbegrenzte Möglichkeiten

In den Räumen der dritten Etage erfahre ich mehr über die Hauptaufgaben der Organisation und wie sie letztendlich zerschlagen wurde. Die MfS hatte schier unbegrenzte Möglichkeiten in das Leben der Anderen einzugreifen. Sie entschied über Zulassung zum Studium, eine Beförderung im Beruf oder ob jemand eine Auslandsreise antreten durfte. Wenn jemand ins Visier der Stasi kam, wurde er beobachtet und alle Schritte, die er tat sorgfältig dokumentiert. Es wurden Fotos gemacht, die der Akte zugefügt wurden. Freunde, Nachbarn und Bekannte wurden ausgefragt, bis hin zu Abhörgeräten, die in der Wohnung des verdächtigen Subjekts installiert wurden.

Ich schaue mir die verschiedenen Ausstellungsstücke, von der Knopflochkamera, über die präparierte Geldbörse mit Kleinbildkamera bis hin zur absurden Abhörvorrichtung im Türrahmen an und frage mich, wie das überhaupt funktionieren konnte. Dann fallen mir wieder die Enthüllungen der Internet- und Telekommunikationsüberwachungsmaßnahmen durch die USA und England ein, die 2013 ans Tageslicht kamen. So abwegig ist es dann auch nicht mehr. Aber zumindest kann ich mich frei bewegen, meine eigenen Entscheidungen treffen und reisen wohin ich will. Darüber bin ich sehr froh.

1989 war dann endlich Schluss. Engagierte Bürger besetzten die Zentrale und sicherten so die zahlreichen gesammelten Akten, die die Mitarbeiter des MfS noch vernichten wollten.

Wir waren knapp zwei Stunden im Museum. Die beiden Jugendlichen sitzen immer noch auf der Parkbank und starren zu uns rüber. Was geht wohl in ihren Köpfen vor? Ist ihnen eigentlich bewusst, dass gerade sie zu den Individuen gehören, die zu Zeiten der SED überwacht, ausspioniert und in ein Erziehungslager verfrachtet worden wären. Wahrscheinlich nicht.

Meine Gedanken zum Schluss

Der Besuch des Stasi Museums hat mich nachdenklich gemacht. Jetzt wo ich einen eigenen Blog betreibe, denke ich viel über das Thema Datenschutz nach. Auch darüber, über was ich schreiben kann und über was vielleicht doch lieber nicht.

Es gibt vielleicht nicht mehr die SED, aber dafür viele andere Geheimdienste und Organisationen. Sie alle handeln dabei im Wohle der jeweiligen Regierung und sammeln dabei Informationen, speichern und analysieren diese. Allein Deutschland hat laut Wikipedia 21 Organisationen, die sich um relevante Sicherheitsfragen kümmern. Das dabei auch schon mal der unbescholtene Bürger ins Visier gerät, hat die Enthüllungsplattform Wikileaks bereits 2013 deutlich gemacht.

Unter den brisanten Dokumenten auch Aufzeichnungen von den bis dahin noch nicht bekannten US-amerikanische Programmen zur Überwachung der weltweiten Internetkommunikation. Eines dieser Programme – PRISM – habe ich mir mal näher angeschaut. Ich war überrascht, wie weit es in die Privatsphäre des normalen Bürgers eingreift und vor allem, wer daran beteiligt ist.

Laut Washington Post vom 6.06.2013 hängen neun der größten Internetkonzerne und Dienste der USA dem PRISM-Programm an. Darunter Microsoft (u. a. mit Skype), Google (u. a. mit YouTube), Facebook, Yahoo, Apple und AOL.

Dabei ist der Zugriff auf die sensiblen persönlichen Daten unterschiedlich. Während es bei Facebook noch einer Bestätigung eines Verdachts auf kriminelle Handlung bedarf, reicht bei Skype schon der Verbindungsaufbau um die Überwachung zu aktivieren. Im Vergleich zu diesen groß angelegten Abhöraktionen sind die kleine Knopflochkamera oder die Abhörvorrichtung im Türrahmen zu Zeiten der SED nur verstaubte Relikte. Mit der Zeit ändern sich die Methoden und die Technik, aber die Geheimdienste bleiben. (Quelle: Washington Post)

Es sind auch nicht nur die Amerikaner oder Engländer, die im großen Stil in das Leben der Anderen eindringen. Auch andere Staaten sind nicht besser. So wird sich in Deutschland heuchlerisch darüber empört, während kurze Zeit später ans Tageslicht kommt, das der BND den französischen Außenminister und eigene Diplomaten, die eigentlich vom Grundgesetz geschützt sind, belauscht und ausspioniert hat. Die Loyalität gegen Bündnispartner und gar vor eigenen Staatsbürgern weicht schnell dem politischen Interesse. Mehr noch soll Deutschland laut dem Whistleblower Edward Snowden mit der NSA „unter einer Decke“ stecken.

Aber wieso das Ganze überhaupt? Mit den Abhörmaßnahmen will man Verdächtige finden, mutmaßliche Terroristen oder Waffenschieber rechtzeitig aufspüren, der Kriminalität Herr werden, Kinderpornografie und Drogenhandel unterbinden. Gegebenenfalls hilft man auch schon mal nach, eine Zielperson aus dem Weg zu räumen.

Gräbt man sich tiefer durch die ganzen Enthüllungsgeschichten stößt man irgendwann auch auf das NSA-Handbuch der Verleumdung und Lügen, indem laut Snowden der britische Geheimdienst (GCHQ) die Kommunikation im Internet mit Sexfallen und Opferblogs gezielt manipuliert haben soll. Die Welt hatte am 25.02.2014 darüber einen Artikel veröffentlicht. (Quelle: Die Welt)

Muss ich mir jetzt Sorgen darüber machen, das ich überhaupt über dieses Thema schreibe? Werde ich dadurch zu einer unbequemen Person, die man irgendwann gezielt aus dem Weg räumt?

Aber genug der Verschwörungstheorien und Spekulationen. Man muss gar nicht so weit blicken, um die manipulierte Wahrheit zu erkennen. Jeder von uns ist damit schon in Berührung gekommen: Spam- und Phishing-Mails, Trolle in Blogs, Fake-Accounts bei Instagram sogar Xing, erfundene Rezensionen und Bewertungen. Im digitalen Zeitalter verbreiten sich Nachrichten wie ein Lauffeuer. Darunter nicht immer die Wahrheit, aber wer überprüft das schon. Und trotzdem findet unser Leben immer mehr öffentlich statt.

Ein Skandal jagt den anderen, täglich kommen neue Enthüllungen ans Tageslicht und dennoch ziehen Menschen freiwillig ins Big Brother Haus, jeder Zweite teilt sein Leben auf Facebook, postet sein Essen auf Instagram, twittert minütlich was er gerade macht oder nutzt den Ortungssdienst seines Handys, damit jeder weiß, wo er sich gerade befindet. Blogger, die ihre kompletten Einnahmen transparent machen, You Tuber, die auf ihrem Kanal über ihr erstes Mal berichten und Arbeitgeber, die Informationen über ihre Bewerber im Netz recherchieren. Wir leben in einer ambivalente Welt zwischen völliger Transparenz und der Angst vor Terroranschlägen, Hackerangriffen und Verleumdungen.

Sind wir somit selbst daran schuld?

Aussagen wie „Man kann nicht 100 Prozent Sicherheit und 100 Prozent Privatsphäre und Null Unannehmlichkeiten haben.“ von US-Präsident Obama nach der Kritik an den Überwachungsprogrammen der Geheimdienste bringen einen, zumindest mich, zum Nachdenken. (Quelle: Süddeutsche Zeitung am 7.06.2013)

Mit anderen Worten, wo gehobelt wird, fallen Späne und springe ich in den Haufen rein, muss ich mich nicht wundern, das auch an meiner Oberfläche gekratzt wird?

Wie ist es nun tatsächlich möglich im großen Ozean die gefährlichen Haie einzufangen, ohne dass die kleinen Fische sich im Netz verheddern?

Wie weit kann man also gehen ohne dabei die Grenzen zu überschreiten und wie öffentlich möchte ich mich als Privatperson darstellen?

Fragen, die ich mir als Blogger und Social-Media-Nutzerin tagtäglich stelle und hiermit an dich weitergeben möchte. Was gibst du über dich preis und was ist für dich privat? Wie schützt du deine Privatsphäre? Schreib es mir in die Kommentarbox. Ich bin gespannt auf deine Antwort.

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