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Berlin – Zeugnisse des Kalten Krieges (Teil 4): Tränen des Abschieds

Nicole Manstedt · 24.07.2016 · Berlin, Deutschland, Europa

Die Westbesucher, die die Reisefreiheit besaßen, konnten die Grenze über die Ausreisehalle der Grenzübergangsstelle Bahnhof Friedrichstraße überqueren. Das Gebäude ist als Tränenpalast in die Geschichte eingegangen, da hier viele Tränen des Abschieds geflossen sind.

Ein älterer Mann in einem viel zu großen Anzug steht vor dem Gebäude und schaut durch die Glasscheibe. Ich frage mich, ob er hier auch jemanden verabschieden musste und wie seine Geschichte wohl lautet.

Inhalt

  1. Freiheit – das kostbare Gut
  2. Willkür und Unsinn
  3. Ohne Erklärung abgelehnt
  4. Meine Gedanken zum Schluss

Freiheit – das kostbare Gut

Wir gehen rein. Am Eingang, noch auf der Treppe, die mich in eine Welt aus alten Erinnerungen, Schriftstücken, Filmausschnitten, die auf Monitoren abgespielt werden und jeder Menge Vergangenheitsbewältigung führen wird, bleibe ich erst mal stehen und überblicke den Raum.

Die Dauerausstellung heißt GrenzErfahrung – Alltag der deutschen Teilung und so sehe ich vor meinem geistigen Auge wartende Menschen in engen Gängen mit kaltem Neonlicht, abgefertigt von gelangweilten Grenzern. Im Gänsemarsch geht es langsam voran. Alles wird durchsucht, Verdächtige gleich in einen Nebenraum geführt. Drei Stempel und Westmark wird zu Ostgeld. Mitbringsel wie ein harmloses Mickey Mouse Heft für den, im Osten lebenden Neffen, wird gleich konfisziert. Nervenaufreibend, anstrengend und demütigend.

Da wird sie mir wieder bewusst, meine Freiheit. Ein kostbares Gut, das auch heute noch vielen Menschen verwehrt ist. Ich muss an die Menschen in Rakka denken. Vor allem an die Frauen, die wie Vieh behandelt werden. Der Körper einer Frau muss komplett bedeckt sein, nicht mal die Augen dürfen zu sehen sein. Allah hat das angeblich so gewollt. Hält sich eine Frau nicht daran, wird sie ausgepeitscht. Am schlimmsten trifft es Jesidinnen, eine Minderheit in Syrien. Sie werden vom IS wie Sklavinnen gehalten, gefoltert und vergewaltigt. Darunter auch ältere Frauen und Kinder. Wir leben im 21 Jahrhundert und noch immer passieren solche schrecklichen Dinge auf der Welt. Nein, von Freiheit kann man da nicht sprechen, aber dies ist ein Thema für einen eigenen Artikel.

Willkür und Unsinn

Ich schüttle diese schrecklichen Gedanken erst mal ab und bewege mich also vorwärts zum ersten Ausstellungsstück. Manche Westbesucher müssen regelmäßig in Einzelkämmerchen, wo sie komplett durchsucht werden. Immer mit der Angst im Hinterkopf, das es das letzte Mal ist, das sie ihre Familie und Freunde wiedersehen. Öffnen sie den Koffer, drehen sie ihr Gesicht nach links, nehmen sie die Brille ab. Zermürbende Fragen, Rechtfertigungen und dann die Ablehnung aus unerklärlichem Grund.

Ich arbeite mich von Schriftstück zu Schriftstück durch, darunter auch ein Einreiseantrag von Altkanzler Dr. Helmut Kohl. Ich schaue mir Filmausschnitte an und in meinem Kopf sammeln sich erneut die Gedanken.

Wie schon in den vielen Museen und Gedenkstätten zuvor, muss das alles auch verarbeitet werden. Wie zum Beispiel die unsinnigen Lieferscheine in dreifacher Ausführung, die Paketen für Familien und Freunde im Osten beigelegt werden müssen. Alles muss akribisch aufgelistet und abgestempelt werden. Nicht alles ist erlaubt und manches aus dem Westen erreicht erst gar nicht seinen Empfänger. Kleidung muss vorher mit Sakrotan Dampfgereinigt werden. Ohne entsprechende Bescheinigung wandert das Paket in die Tonne oder wird vom kontrollierenden Grenzbeamten einbehalten. Völlig absurd.

Ohne Erklärung abgelehnt

Ich bin mittlerweile am hinteren Ende des Raumes angelangt und entdecke ein Schild auf dem in roten Buchstaben Ausreise steht. Darunter Fernzüge, S-Bahn und U-Bahn. Zwei Mauern die diagonal zum Fenster weisen. Eine Schneise auf die andere Seite. Die Freiheit zum Greifen nahe, nur noch durch eine Glasscheibe getrennt. Ich werde auf Stimmen aus einem Lautsprecher an der Decke aufmerksam und bleibe stehen. Sie gehören Menschen, die von ihren persönlichen Erfahrungen berichten. Ich setze mich auf die Bank gegenüber vom Fenster und höre zu.

Ein Sohn berichtet von der unzumutbaren Kontrolle seiner Mutter. Wie sie befragt und sich einer unangenehmen Leibesvisitation unterziehen muss. Sie wird des illegalen Handels bezichtigt und muss sich in einem Nebenraum splitternackt ausziehen. Ich kann den musternden Blick des Grenzers förmlich auf meiner eigenen Haut spüren. Einfach erniedrigend und beschämend.

Ein anderer Mann aus dem Westen erzählt, dass er jedes Mal in ein Hinterräumchen geführt und durchsucht wird. Bis ihm eines Tages mitgeteilt wird, das seine Anwesenheit in der Deutsch Demokratischen Republik nicht mehr erwünscht sei. Einfach so, ohne jegliche Erklärung. So ergeht es vielen.

Meine Gedanken zum Schluss

Während ich mir die Zeitzeugenberichte anhöre, schaue ich aus dem gegenüberliegenden Fenster und beobachte die Menschen, die aus der S- und U-Bahn Station Friedrichsstraße kommen. Menschen unterschiedlichster Herkunft und Nationalität, mal busy mit Handy am Ohr oder entspannt schlendernd mit Einkaufstüten in der Hand. Ich beobachte Familien mit ihren Kindern, laut grölende Jugendliche, ein verliebtes Pärchen und eine ältere Dame mit einem roten Feodora Hut, die ihren Pudel auf dem Arm trägt.

Schlagartig wird mir die Ironie bewusst. Hier sitze ich nun im ehemaligen Grenzkontrollpunkt. Ich höre mir die vielen Schicksale an, die mich betroffen machen und ein paar Meter weiter tobt das freie Leben.

Ich habe genug. Ich stehe auf und gehe raus. Ich gehe einfach durch die Tür, durch die ich vor anderthalb Stunden gekommen bin und lasse das Gebäude hinter mir. Keine Tränen des Abschieds, aber die Geschichten bleiben in meinem Kopf.

2 Kommentare:
  1. Hallo Nicole,
    sehr schöner Beitrag! Da werden direkt wieder Erinnerungen an meinen eigenen besuch im Tränenpalast wach.
    Liebe Grüße
    Thomas

    Thomas · Juli 24, 2016
    • Hallo Thomas,

      ganz lieben Dank für dein tolles Feedback.
      Freue mich sehr darüber.

      Liebe Grüße,
      Nicole

      Nicole Manstedt · Juli 24, 2016

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