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Denkmal zur Erinnerung an die Bücherverbrennung vom israelischen Künstlers Micha Ullman. Man sieht eine Glasplatte, die im Boden auf dem Bebelplatz, direkt vor der Humboldt-Universität eingelassen ist. Schaut man da hindurch, sieht man leere Bücherregale, die an die Bücherverbrennung 1933 erinnern sollen.

Berlin – Mahnmale des Nationalsozialismus (Teil 3): Vorspiel zum Mord

Nicole Manstedt · 12.06.2016 · Berlin, Deutschland, Europa

Auf dem Bebelplatz, direkt vor der Humboldt-Universität, ist im Boden eine Glasplatte eingelassen. Schaut man da hindurch, sieht man leere Bücherregale, die an die Bücherverbrennung 1933 erinnern sollen. Das Denkmal zur Erinnerung an die Bücherverbrennung ist das Werk des israelischen Künstlers Micha Ullman. Direkt daneben findet man am Boden eine Metallplatte mit einem Zitat von Heinrich Heine:

„Dies war ein Vorspiel, nur dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“

Diese Aussage stammt aus der 1827 verfassten Tragödie „Almansor“ und bezieht sich auf die Verbrennung des Korans nach der Eroberung von Grenada durch die Kreuzritter, jedoch wurde Heines Prophezeiung 1933 zur grausamen Wahrheit.

Inhalt

  1. Die Angst vor dem geschriebenen Wort
  2. Beim Bau der Chinesischen Mauer
  3. Ein aussichtsloses Unterfangen
  4. Meine Gedanken zum Schluss

Die Angst vor dem geschriebenen Wort

Bücherverbrennungen wurden bereits im 4. Jahrhundert durch die römisch-katholische Kirche durchgeführt und ziehen sich durch die gesamte menschliche Vergangenheit, aber die 1933 im Rahmen der Aktion „Wider den undeutschen Geist“ geplante und durchgeführte Bücherverbrennung übertraf in Kontinuität und Ausführung alles bisher geschichtlich Dokumentierte. Bereits vor Hitlers Machtergreifung und zu Zeiten der Weimarer Republik keimte das nationalsozialistische Gedankengut in deutschen Universitäten. 1929 wurde der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund ins Leben gerufen, der dafür sorgen sollte, daß die Studenten eine ideologische Bildung gemäß der nationalsozialistischen Ausrichtung erhielten. Lehrpläne wurden umgestellt, viele Bücher als bolschewistisch eingestuft und es wurde eine Klassenhierarchie verankert. Was anfangs noch Proteste auslöste, wurde nach und nach durch Hetzkampagnen und Propaganda zerschlagen. Der Irrglaube des undeutschen Geistes verbreitet, der Hass auf volksfremde Studenten, die einem den Studienplatz wegnehmen, geschürt. 1933 setzte sich der NSDStB durch und der braune Einheitsbrei zersetzte das Bildungswesen.

Die am 10. Mai 1933 an 22 Universitäten vollzogenen Bücherverbrennungen waren nur der Auftakt zu weiteren derartigen Aktionen, die in den Monaten danach folgten. Zehntausende Bücher wurden verbrannt, allein 25.000 in Berlin. Darunter Werke von Erich Kästner, der bei der Bücherverbrennung in Berlin persönlich anwesend war, von Kurt Tucholsky, Heinrich Heine, Bertolt Brecht und Franz Kafka.

Beim Bau der Chinesischen Mauer

Ich frage mich nun, was steht in diesen Büchern, daß sie als volksaufhetzend und gefährlich eingestuft wurden, und befasse mich mit der Kurzgeschichte „Beim Bau der chinesischen Mauer“ von Franz Kafka.

In Kafkas Werk geht es um den Bau der Chinesischen Mauer aus der Sicht eines Bauenden, der die Bauweise und später auch den Sinn des Baus selbst hinterfragt. Der Bau der Mauer erfolgte nach dem Prinzip der Teilschritte. Ein Bauabschnitt bestand aus 500 Metern und es gab immer zwei Bauteams, die aufeinander zu arbeiteten. Danach wurden die Bauenden, die jahrelang gearbeitet hatten, zu ihren Dörfern und Familien zurückgeschickt. Oft desillusioniert, da man jahrelang an einem Ort verbracht, tagein tagaus Stein auf Stein getragen hatte, ohne jemals das große Ganze überblicken zu können und auch ohne die obere Führerschaft, den eigentlichen Auftraggeber, zu kennen. Auf der Heimreise kamen sie an anderen Bauabschnitten vorbei, hörten hier und da von erfolgreichen Fertigstellungen und wurden zu Hause als Helden empfangen, die ihren Beitrag zum Schutz des Volkes geleistet hatten.

Sollte doch die Mauer die südlichen Völker vor den kriegerischen Nordvölkern schützen. Doch hatte kein Mensch im Süden je einen Krieger aus dem Norden persönlich getroffen. Zu groß war China, als dass je ein Nordmann in den Süden hätte vordringen können. Wieso dann der Bau der Mauer? Man kannte seine angeblichen Feinde nur aus angsterfüllenden Geschichten und von Bildern, auf denen der Nordmann blutrünstig und gefährlich mit aufgerissenen Augen und zugespitzten Zähnen dargestellt wurde. Das reichte als Antrieb aus – und nach ein paar Jahren der Ruhe und Fürsorge innerhalb der Familie zogen die Bauenden erneut aus, um an anderer Stelle einen weiteren Teilabschnitt zu errichten.

Ein aussichtsloses Unterfangen

Kafkas Geschichte geht noch tiefer und enthält innerhalb der Erzählung eine eigenständige Parabel: Der damaligen Kaiser möchte vom Sterbebett aus eine Nachricht an einen Untertan in einem ferner gelegenen Dorf übermitteln. Der damit beauftragte Bote läuft los, durch die Gemächer des Kaisers, die Vorzimmer, muss mehrere Treppen überwinden, den kaiserlichen Hof, wo er sich durch die wartende Menge kämpfen muss, und dann durch die vielen Nebenpaläste. Außerhalb des Palastes muss er die Steppe und viele Dörfer durchqueren. Er läuft und läuft, aber es ist ein aussichtsloses Unterfangen. Letztendlich wird er nie ankommen und der Untertan im fernen Dorf wartet vergeblich auf Nachricht.

So geschah es zur damaligen Zeit nicht selten, dass die Nachricht vom Tod des amtierenden Kaisers und von einem Machtwechsel einer Dynastie nicht bis in die fernen Ecken des Landes vordrang und die Untertanen einem längst verstorbenen Kaiser huldigten und nach seinen Gesetzen lebten.

Meine Gedanken zum Schluss

Sicherlich ist es Interpretationssache, aber ich denke, dass Kafkas Kurzgeschichte nicht nur verbrannt wurde, weil er Jude war, sondern weil seine nüchterne und einfache Darstellung der Verhältnisse im alten China bereits Einblicke in die Absurdität totalitärer Systeme liefert. Man findet hier die Sinnlosigkeit eines Bestrebens, das auf falschen Überlieferungen und Gerüchten gründet. Ein Tun ohne wirkliches Wissen, ein Gehorchen, ohne zu kennen. Durchaus Parallelen zur Maschinerie des Nationalsozialismus, aber auch zum Leninismus und zu anderen totalitären Staatsformen.

Ein solcher Appell an die Vernunft war somit Gift für die nationalsozialistischen Ziele und musste vernichtet werden. Das Volk könnte beeinflusst werden, ermutigt zum eigenem Denken und In-Frage-Stellen und dies noch durch einen Juden, dem doch als Untermensch jegliche Intelligenz und Eigenständigkeit abgesprochen wurde.

Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass Kafka seine Kurzgeschichte bereits 1917 geschrieben hat, die NSDAP aber erst 1920 gegründet wurde und der nationalsozialistische Deutsche Studentenbund erst 1933 an Macht gewann. Trotzdem wurde Kafkas Werk zur Gefahr für die nationalsozialistisch geprägte Bildung.

Welches Buch hat dich zuletzt richtig wachgerüttelt, gefesselt und zum Nachdenken gebracht? Schreib es mir in die Kommentare.

Wieso gibt es überhaupt Menschen, die Juden hassen, und wann hat das angefangen? Wer sich das alles auch schon gefragt hat, wird im Jüdischen Museum in Berlin Antworten finden, über das ich in meinem Artikel Berlin – Mahnmale des Nationalsozialismus (Teil 4): Der jüdische Mensch berichte.

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